Die Psychologie des Investierens: Gier, Angst und wie du cool bleibst
Willkommen zu Folge 30 von Finanzpost.de! Lia und Finanzexperte Maik Marx widmen sich diesmal dem vielleicht unterschĂ€tztesten Faktor beim Vermögensaufbau: deiner eigenen Psyche. Denn die gröĂte HĂŒrde beim erfolgreichen Investieren ist selten der richtige ETF, sondern es sind unsere Emotionen. Gier, Angst, Herdentrieb und SelbstĂŒberschĂ€tzung kosten Anleger jedes Jahr enorme Renditen. In dieser Folge erfĂ€hrst du, welche psychologischen Fallen hinter schlechten Geldentscheidungen stecken, warum eine wahre Geschichte ĂŒber 70.000 Euro Verlust dich zum Nachdenken bringt und mit welchen fĂŒnf Strategien du auch in turbulenten Zeiten einen kĂŒhlen Kopf bewahrst.
Dein gröĂter Feind bist du selbst
Lia bringt es gleich zu Beginn ehrlich auf den Punkt: Ein Artikel ĂŒber einen Börsencrash reicht schon aus, um dieses mulmige GefĂŒhl im Bauch auszulösen. Was, wenn plötzlich alles weg ist? Genau diese Angst ist es, die viele Menschen davon abhĂ€lt, ĂŒberhaupt zu investieren. Maik stellt klar: Die eigentliche Herausforderung ist nicht, das perfekte Produkt zu finden, sondern die eigenen angeborenen Verhaltensmuster in den Griff zu bekommen. Unsere Psyche arbeitet an der Börse oft gegen uns, weil sie auf schnelle Reaktionen ausgelegt ist, nicht auf langfristiges, rationales Denken. Wer diese Mechanismen versteht, hat schon die halbe Miete. Die wichtigsten Grundlagen zum Anlageverhalten findest du kompakt in unserem Wissensbereich.
Gier und Angst: zwei Seiten einer Medaille
Die beiden mÀchtigsten KrÀfte am Markt sind Gier und Angst. Gier treibt uns, wenn die Kurse steigen: Wir sehen andere reich werden, hören von Rekordhochs und bekommen FOMO, die Angst, etwas zu verpassen. Also steigen wir ein, oft zu spÀt und zu teuer, und gehen höhere Risiken ein als geplant. Dann kippt die Stimmung. Eine Krise, eine schlechte Nachricht, eine Korrektur, und die Euphorie schlÀgt in Panik um. Die gleichen Leute, die aus Gier gekauft haben, verkaufen jetzt aus Angst, meist am Tiefpunkt. Sie kaufen teuer und verkaufen billig, also genau das Gegenteil von dem, was klug wÀre. Wie stark sich schon kleine emotionale Fehlgriffe auf deine Endsumme auswirken, kannst du mit unseren Rechnern durchspielen.
Der Herdentrieb: warum wir der Masse folgen
Menschen sind soziale Wesen, wir orientieren uns an der Masse. Wenn alle kaufen, wollen wir auch kaufen; wenn alle verkaufen, drĂ€ngt es uns ebenfalls zum Ausstieg. Psychologisch ist es enorm schwer, gegen die Herde zu handeln. Doch an der Börse liegt die Herde oft falsch. Die besten GeschĂ€fte entstehen antizyklisch, also wenn du kaufst, wĂ€hrend die Angst am gröĂten ist, und zurĂŒckhaltend bleibst, wenn die Gier ĂŒberkocht. Warren Buffett formulierte es treffend: Sei Ă€ngstlich, wenn andere gierig sind, und sei gierig, wenn andere Ă€ngstlich sind. Leichter gesagt als getan, denn wenn die Kurse um dreiĂig Prozent einbrechen, fĂ€llt es schwer, mutig zu bleiben. Genau deshalb hilft ein klarer Plan mehr als jedes BauchgefĂŒhl. Passende Strategien findest du in unserer Anlage-Ăbersicht.
Eine wahre Geschichte: 70.000 Euro Verlust
Maik erzĂ€hlt von einem Coaching-Klienten, nennen wir ihn Thomas: Mitte vierzig, guter Job, Familie und ein Depot von rund 150.000 Euro, hauptsĂ€chlich in einem MSCI World ETF. Dann kam die Corona-Krise im MĂ€rz 2020, die MĂ€rkte brachen innerhalb weniger Wochen um ĂŒber dreiĂig Prozent ein. Thomas rief in Panik an und war ĂŒberzeugt: Das wird eine Weltwirtschaftskrise, ich muss retten, was zu retten ist. Trotz aller Beruhigungsversuche verkaufte er alles und realisierte rund 50.000 Euro Verlust. Das Tragische: Die MĂ€rkte erholten sich binnen Monaten und erreichten neue Rekordhochs. HĂ€tte er einfach nichts getan, wĂ€re sein Depot Ende 2020 etwa 170.000 Euro wert gewesen. Weil er in Panik verkaufte und sich nicht wieder hineintraute, kostete ihn diese eine emotionale Entscheidung rund 70.000 Euro.
Behavioral Biases: die versteckten Denkfehler
Neben Gier, Angst und Herdentrieb lauern die sogenannten Behavioral Biases, also systematische Verhaltensverzerrungen. Der Confirmation Bias sorgt dafĂŒr, dass wir nur Informationen suchen, die unsere bestehende Meinung bestĂ€tigen: Wer eine Aktie toll findet, liest nur die positiven Nachrichten und blendet die kritischen aus. Der Overconfidence Bias, die SelbstĂŒberschĂ€tzung, verleitet vor allem viele Anleger dazu, zu glauben, sie könnten den Markt schlagen und den perfekten Zeitpunkt treffen. Studien zeigen jedoch: Wer sehr aktiv handelt, erzielt im Schnitt eine schlechtere Rendite als passive Anleger, weil hohe Transaktionskosten und Fehlentscheidungen zusammenkommen. Auch der Anker-Effekt spielt mit hinein, wenn wir uns an einmal gesehenen Kursen festklammern. Die wichtigsten Fachbegriffe erklĂ€rt dir unser Finanzlexikon.
Rechne mit: Wer 150.000 ⏠im Crash um dreissig Prozent auf 100.000 ⏠fallen sieht und dann verkauft, hat 50.000 ⏠Verlust fixiert. Erholt sich der Markt anschliessend auf 170.000 âŹ, entgeht dieser Person zusĂ€tzlich der gesamte Aufschwung. Am Ende fehlen rund 70.000 âŹ, nur durch eine einzige emotionale Entscheidung. Nichtstun wĂ€re hier die profitabelste Strategie gewesen.
FĂŒnf Strategien fĂŒr einen kĂŒhlen Kopf
Wie bleibst du emotional stabil? Erstens: Automatisiere deine Investitionen per Sparplan, damit du nicht stĂ€ndig ĂŒber Ein- und Ausstieg grĂŒbelst. Zweitens: Mach eine Nachrichten-DiĂ€t, denn stĂ€ndiges Ins-Depot-Schauen und Krisen-Schlagzeilen befeuern nur die Angst. Drittens: Halte einen klaren, schriftlichen Plan bereit, an dem du dich in stĂŒrmischen Phasen orientieren kannst. Viertens: Verstehe die Geschichte der Börse, denn Krisen gab es immer, und die MĂ€rkte haben sich langfristig stets erholt, was RĂŒckschlĂ€ge als Chancen begreifbar macht. FĂŒnftens: Such dir einen Sparringspartner, sei es ein Coach oder eine Community, der dich vor Kurzschlussreaktionen bewahrt. Welche kostengĂŒnstigen Sparplan-Anbieter sich eignen, zeigt dir unser Vergleich.
Wo du neutrale Hilfe findest
Wenn dich das mulmige GefĂŒhl packt, hilft der Blick auf unabhĂ€ngige, seriöse Quellen ohne Verkaufsinteresse. Die Verbraucherzentrale warnt vor typischen Fallen und teuren Produkten, das Portal Finanztip liefert verstĂ€ndliche, praxisnahe Ratgeber, und die Deutsche Bundesbank stellt neutrale Daten und HintergrĂŒnde bereit. Solche Anlaufstellen sind ein wertvolles Gegengewicht zu deinem eigenen BauchgefĂŒhl und zu reisserischen Schlagzeilen. Wer sich zusĂ€tzlich an das eigene, ehrlich eingeordnete Risikoprofil hĂ€lt, schĂŒtzt sich wirksam vor SelbstĂŒberschĂ€tzung und Panik.
Fazit: Gelassenheit ist deine Rendite
Die Psychologie entscheidet oft mehr ĂŒber deinen Anlageerfolg als das gewĂ€hlte Produkt. Wer Gier, Angst und Denkfehler kennt und mit klaren Regeln arbeitet, bleibt auch in Krisen handlungsfĂ€hig und verschenkt keine Rendite durch Panik. Hör dir die ganze Folge an, abonniere den Podcast und mach dir einen schriftlichen Plan, an den du dich hĂ€ltst. In der nĂ€chsten Folge sprechen wir darĂŒber, wie du dein Depot sinnvoll strukturierst und langfristig gelassen dabeibleibst.
Shownotes zu dieser Folge +
Die Psychologie des Investierens - Gier, Angst und wie du cool bleibst
In der dreiĂigsten Folge von Finanzpost.de: Der Finanz- und Vorsorge-Podcast tauchen Lia und Finanzexperte Maik Marx tief in die Psychologie des Investierens ein. Warum kaufen wir teuer und verkaufen billig? Wie können wir Gier, Angst und Panik besiegen?
Erfahre, was die gröĂten psychologischen Fallen sind (Gier, Angst, Herdentrieb, Confirmation Bias, Overconfidence, Anker-Effekt), warum zehn Prozent Wissen und neunzig Prozent Verhalten ĂŒber deinen Erfolg entscheiden, und wie eine einzige emotionale Entscheidung dich siebzigtausend Euro kosten kann (wahre Geschichte!).
- â Warum deine Psyche dein gröĂter Feind ist
- â Die zwei Seiten der Medaille: Gier und Angst
- â FOMO: Die Angst, etwas zu verpassen
- â Der Herdentrieb: Warum wir der Masse folgen
- â Behavioral Biases: Confirmation Bias, Overconfidence, Anker-Effekt
- â Eine wahre Geschichte: Wie ein Anleger 70.000⏠verlor
- â FĂŒnf Strategien, um emotional stabil zu bleiben
- â Strategie 1: Automatisiere deine Investitionen (Sparplan)
- â Strategie 2: Mach eine Nachrichten-DiĂ€t â°
- â Strategie 3: Habe einen klaren, schriftlichen Plan
- â Strategie 4: Verstehe die Geschichte der Börse (Krisen sind Chancen)
- â Strategie 5: Suche dir einen Sparringspartner (Coach, Community)
Komplettes Transkript dieser Folge +
Lia: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Finanzpost.de. Ich bin Lia und heute haben wir ein Thema, das mich persönlich total beschĂ€ftigt. Wir sprechen ĂŒber die Psychologie des Investierens, ĂŒber Gier, Angst und wie wir es schaffen, einen kĂŒhlen Kopf zu bewahren, auch wenn die MĂ€rkte verrĂŒckt spielen. Letzte Woche habe ich nĂ€mlich einen Artikel ĂŒber einen Börsencrash gelesen und ich muss gestehen, ich hatte sofort dieses mulmige GefĂŒhl im Bauch. Was, wenn mein ganzes Geld plötzlich weg ist? Was, wenn ich alles verliere? Und dann dachte ich, Moment mal, das ist genau die Panik, ĂŒber die Maik immer spricht. Also, heute wollen wir klĂ€ren, wie wir diese Emotionen in den Griff bekommen. Maik, ich brauche deine Hilfe.
Maik Marx: Hallo, Lia. Hallo, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, Lia. Das mulmige GefĂŒhl, das du beschreibst, ist genau das, was die meisten Anleger erleben, wenn die MĂ€rkte fallen. Und es ist auch genau das, was viele Menschen davon abhĂ€lt, ĂŒberhaupt zu investieren. Die gröĂte HĂŒrde beim erfolgreichen Investieren ist nicht, den richtigen ETF zu finden. Das haben wir in den letzten Folgen geklĂ€rt. Die gröĂte HĂŒrde sind wir selbst. Unsere eigene Psyche, unsere Emotionen, unsere angeborenen Verhaltensmuster, Gier, Angst, Herdentrieb, SelbstĂŒberschĂ€tzung, das sind die wahren Feinde unseres Vermögens. Heute werden wir diese Feinde entlarven und dir und unseren Zuhörern die mentalen Werkzeuge an die Hand geben, um sie zu besiegen.
Lia: Das klingt nach einer echten Therapiesitzung fĂŒr Anleger. Wo fangen wir an? Was sind denn die gröĂten psychologischen Fallen, in die wir tappen?
Maik Marx: Die beiden gröĂten und mĂ€chtigsten KrĂ€fte sind Gier und Angst. Sie sind wie die zwei Seiten derselben Medaille. Gier treibt uns an, wenn die MĂ€rkte steigen. Wir sehen, wie andere reich werden, wir hören von neuen Rekordhochs und wir bekommen FOMO, die Angst, etwas zu verpassen. Also steigen wir ein, oft zu spĂ€t, wenn die Kurse schon sehr hoch sind. Wir kaufen mehr, als wir uns vorgenommen haben, gehen höhere Risiken ein, weil wir gierig nach mehr Rendite sind. Das ist die Phase der Euphorie.
Lia: Das kenne ich. Man liest ĂŒberall von neuen HöchststĂ€nden und denkt sich, da muss ich dabei sein.
Maik Marx: Genau. Und dann kommt die Kehrseite, die Angst. Plötzlich fallen die Kurse. Eine Krise, eine schlechte Nachricht, eine Korrektur. Die Euphorie schlĂ€gt in Panik um. Die gleichen Leute, die aus Gier gekauft haben, verkaufen jetzt aus Angst. Sie wollen ihre Verluste begrenzen. Sie haben Angst. alles zu verlieren. Sie verkaufen oft am Tiefpunkt der Krise. Und das ist der gröĂte Fehler, den man machen kann. Sie kaufen teuer und verkaufen billig. Das genaue Gegenteil von dem, was man tun sollte.
Lia: Kaufen, wenn alle gierig sind und verkaufen, wenn alle panisch sind. Das ist der klassische Fehler, oder?
Maik Marx: Das ist der klassische Fehler, der Millionen von Anlegern um ihre Rendite bringt. Und er wird durch ein weiteres PhĂ€nomen verstĂ€rkt, den Herdentrieb. Menschen sind soziale Wesen. Wir orientieren uns an der Masse. Wenn alle kaufen, wollen wir auch kaufen. Wenn alle verkaufen, wollen wir auch verkaufen. Es ist psychologisch sehr schwer gegen die Herde zu handeln. Aber an der Börse ist die Herde oft falsch. Die besten GeschĂ€fte macht man, wenn man antizyklisch handelt. Also kauft, wenn die Angst am gröĂten ist und verkauft, wenn die Gier am gröĂten ist. Wie Warren Buffett sagte, sei Ă€ngstlich, wenn andere gierig sind und sei gierig, wenn andere Ă€ngstlich sind.
Lia: Das ist leichter gesagt als getan. Wenn die Kurse um 30% einbrechen, ist es verdammt schwer, gierig zu sein und zu kaufen.
Maik Marx: Absolut. Und genau deshalb ist es so wichtig, diese Mechanismen zu verstehen. Ich hatte mal einen Coaching-Klienten, nennen wir ihn Thomas. Thomas war Mitte 40, hatte einen guten Job, Familie und hatte sich ein schönes Depot von etwa 150.000 Euro aufgebaut, hauptsĂ€chlich mit einem MSCI World ETF. Er war sehr stolz darauf. Dann kam die Corona-Krise im MĂ€rz 2020. Die MĂ€rkte brachen innerhalb von wenigen Wochen um ĂŒber 30 Prozent ein. Thomas rief mich in totaler Panik an. Er sagte, Maik, ich muss alles verkaufen. Das ist eine Weltwirtschaftskrise. Das wird alles noch viel schlimmer. Ich muss retten, was zu retten ist. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen. Ich habe ihm gesagt, er soll an seine langfristige Strategie denken, dass Krisen normal sind, dass die MĂ€rkte sich immer wieder erholen. Aber er hat nicht auf mich gehört. Er hat alles verkauft. Sein Depot war nur noch etwa 100.000 Euro wert. Er hat also 50.000 Euro Verlust realisiert.
Lia: Oh nein. Und was ist dann passiert?
Maik Marx: Was dann passiert ist, war tragisch. Die MĂ€rkte haben sich innerhalb von wenigen Monaten erholt und neue Rekordhochs erreicht. HĂ€tte Thomas einfach nichts getan, wĂ€re sein Depot am Ende des Jahres 2020 etwa 170.000 Euro wert gewesen. Weil er aber in Panik verkauft hat, hatte er nur noch 100.000 Euro. Er hat also 70.000 Euro verloren, nur durch eine einzige falsche emotionale Entscheidung. Und das Schlimmste war, er hat sich nicht getraut, wieder einzusteigen. Er hat gewartet, weil er dachte, die Kurse mĂŒssten ja wieder fallen. Aber sie fielen nicht. Sie stiegen weiter. Er hat den kompletten Aufschwung verpasst. Diese Geschichte zeigt, wie zerstörerisch Angst und Panik sein können.
Lia: Eine krasse Geschichte. Das tut mir richtig leid fĂŒr Thomas. Aber sie zeigt perfekt, was du meinst. Neben Gier, Angst und Herdentrieb, was gibt es noch fĂŒr psychologische Fallen?
Maik Marx: Es gibt eine ganze Reihe, die sogenannten Behavioral Biases, also Verhaltensverzerrungen. Eine sehr hĂ€ufige ist der Confirmation Bias, der BestĂ€tigungsfehler. Wir neigen dazu, Informationen zu suchen und zu interpretieren, die unsere bestehende Meinung bestĂ€tigen. Wenn du glaubst, dass Tesla eine tolle Aktie ist, wirst du nur positive Nachrichten ĂŒber Tesla lesen und negative ignorieren. Das fĂŒhrt zu einer verzerrten Wahrnehmung und zu schlechten Entscheidungen.
Lia: Man will einfach Recht haben.
Maik Marx: Genau. Ein weiterer Bias ist der Overconfidence-Bias, die SelbstĂŒberschĂ€tzung. Viele Anleger, vor allem MĂ€nner, ĂŒberschĂ€tzen ihre eigenen FĂ€higkeiten. Sie glauben, sie könnten den Markt schlagen, die richtigen Aktien auswĂ€hlen, den richtigen Zeitpunkt finden. Studien zeigen, dass Anleger, die sehr aktiv handeln, weil sie sich selbst ĂŒberschĂ€tzen, im Durchschnitt eine schlechtere Rendite erzielen als Anleger, die passiv bleiben. Sie verursachen hohe Transaktionskosten und machen Fehler.
Lia: Das erinnert mich an unsere Folge ĂŒber das Risikoprofil, Folge 24. Da haben wir ja auch gelernt, wie wichtig es ist, sich selbst realistisch einzuschĂ€tzen.
Maik Marx: Das ist eine exzellente VerknĂŒpfung, Lia. Dein Risikoprofil zu kennen, schĂŒtzt dich vor SelbstĂŒberschĂ€tzung. Ein weiterer gefĂ€hrlicher Bias ist der Ankereffekt. Wir neigen dazu, uns an einer bestimmten Information zu orientieren, dem Anker und unsere Entscheidungen davon beeinflussen zu lassen. Wenn du eine Aktie fĂŒr 100 Euro gekauft hast und sie fĂ€llt auf 80 Euro, dann ist dein Anker 100 Euro. Du willst sie nicht verkaufen, bevor sie wieder 100 Euro erreicht hat, auch wenn es rational vielleicht sinnvoll wĂ€re, weil das Unternehmen schlechte Aussichten hat. Du klammerst dich an den Anker, anstatt die Situation neu zu bewerten.
Lia: Das ist so wahr. Man denkt immer, wenn ich nur meinen Einstandspreis wieder erreiche, dann verkaufe ich.
Maik Marx: Und das ist oft ein Fehler. Der Markt weiĂ nicht, was dein Einstandspreis war. Der Markt bewertet die Zukunft, nicht die Vergangenheit. Diese drei, Confirmation Bias, Overconfidence und Ankereffekt, sind nur einige von vielen. Aber sie zeigen, wie unsere Psyche uns Streiche spielt.
Lia: Okay, ich verstehe die Probleme. Gier, Angst, Herdentrieb, die ganzen Biases. Aber was können wir konkret tun, um uns davor zu schĂŒtzen? Wie bleiben wir cool, wenn die MĂ€rkte verrĂŒckt spielen?
Maik Marx: Das ist die entscheidende Frage. Und die Antwort ist nicht kompliziert, aber sie erfordert Disziplin. Hier sind meine fĂŒnf wichtigsten Strategien, um emotional stabil zu bleiben. Strategie Nummer 1. Automatisiere deine Investitionen. Das ist der wichtigste Tipp von allen. Richte einen ETF-Sparplan ein, der jeden Monat automatisch einen festen Betrag von deinem Konto abbucht und in deinen ETF investiert. Egal, was an der Börse passiert. Ob die Kurse steigen oder fallen. Der Sparplan lĂ€uft einfach weiter. Das nimmt die Emotionen komplett aus dem Spiel. Du musst keine Entscheidungen treffen. Du musst nicht ĂŒberlegen, ob du kaufen oder verkaufen sollst. Die Maschine macht es fĂŒr dich. Das ist die beste Methode, um Gier und Angst auszuschalten.
Lia: Der Autopilot fĂŒr die Geldanlage. Das mache ich ja schon. Das beruhigt mich.
Maik Marx: Strategie Nummer zwei. Mach eine NachrichtendiÀt. Schau nicht jeden Tag auf dein Depot. Lies nicht jeden Tag Finanznachrichten. Verfolge nicht jeden Tweet von irgendwelchen Börsengurus. Je mehr du dich dem tÀglichen Rauschen der MÀrkte aussetzt, desto emotionaler wirst du. Es reicht völlig, wenn du einmal im Quartal oder sogar nur einmal im Jahr in dein Depot schaust, um zu rebalancen. Ansonsten lass es einfach laufen. Konzentriere dich auf dein Leben, deinen Job, deine Familie, nicht auf die tÀglichen Schwankungen der Börse.
Lia: Das ist schwer in der heutigen Zeit, wo man stÀndig mit Nachrichten bombardiert wird. Aber ich verstehe den Punkt. Weniger ist mehr.
Maik Marx: Strategie Nummer 3. Habe einen klaren Plan. Bevor du investierst, musst du einen klaren Plan haben. Was sind deine Ziele? Welchen Anlagehorizont hast du? Welche Risiken bist du bereit zu tragen? Welche Asset Allocation hast du gewĂ€hlt? Schreibe diesen Plan auf. Und wenn die MĂ€rkte verrĂŒckt spielen, lies deinen Plan. Erinnere dich daran, warum du investierst. Dein Plan ist dein Kompass in stĂŒrmischen Zeiten. Er hilft dir, rational zu bleiben und nicht emotional zu reagieren.
Lia: Einen Plan haben und sich daran halten. Das ist die Disziplin, von der du gesprochen hast.
Maik Marx: Strategie Nummer 4. Verstehe die Geschichte. Die Geschichte der Börse ist eine Geschichte von Krisen und Erholungen. Es gab Weltkriege, Ălpreisschocks, TerroranschlĂ€ge, Pandemien, Finanzkrisen. Und nach jeder einzelnen Krise haben sich die MĂ€rkte wieder erholt und neue HöchststĂ€nde erreicht. Immer. Wenn du das verstanden hast, verlierst du die Angst vor der nĂ€chsten Krise. Du siehst sie nicht mehr als Bedrohung, sondern als Chance, gĂŒnstig nachzukaufen. Krisen sind der Rabattverkauf an der Börse.
Lia: Krisen als Chance sehen. Das ist ein starkes Mindset.
Maik Marx: Und Strategie Nummer 5. Suche dir einen Sparringspartner. Sprich mit jemandem ĂŒber deine Ăngste und Sorgen. Das kann ein guter Freund sein, dein Partner oder ein Finanzcoach. Jemand, der dich daran erinnert, an deinem Plan festzuhalten. Jemand, der dir sagt, bleib ruhig, das ist normal, verkaufe nicht. Ein externer Blick hilft enorm, die eigenen Emotionen zu kontrollieren. Du bist nicht alleine.
Lia: Das ist sehr konkret und hilfreich. Das gibt mir das GefĂŒhl, dass ich die Kontrolle behalten kann, auch wenn die Welt um mich herum verrĂŒckt spielt.
Maik Marx: Genau darum geht es, Lia. Du kannst die MÀrkte nicht kontrollieren, aber du kannst deine eigenen Reaktionen kontrollieren. Und das ist das Einzige, was zÀhlt. Erfolgreiches Investieren ist zu 10% Wissen und zu 90% Verhalten. Wenn du dein Verhalten im Griff hast, hast du schon gewonnen.
Lia: 10% Wissen, 90% Verhalten. Das ist ein Satz, den ich mir merken werde. Maik, bevor wir zum Ende kommen, habe ich noch eine praktische Frage. Du hast von einem Sparrings-Partner gesprochen. Aber was mache ich, wenn ich niemanden in meinem Umfeld habe, der sich fĂŒr Finanzen interessiert? Meine Freunde geben mir eher den Rat, alles auszugeben und das Leben zu genieĂen.
Maik Marx: Das ist ein sehr wichtiger Punkt, Lia, und eine Situation, in der sich viele befinden. Wenn dein direktes Umfeld dich nicht unterstĂŒtzt, musst du dir dein Umfeld selbst schaffen. Es gibt heute fantastische Möglichkeiten, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Du könntest dich zum Beispiel Online-Communities anschlieĂen. Es gibt tolle Foren wie das Wertpapierforum oder Subreddits wie r-Finanzen, wo sich tausende von Privatanlegern austauschen, Fragen stellen und sich gegenseitig unterstĂŒtzen. Dort findest du Menschen, die genau wie du denken und vor den gleichen Herausforderungen stehen.
Lia: Online-Communities, das ist eine gute Idee. Da fĂŒhlt man sich weniger allein.
Maik Marx: Genau. Eine weitere Möglichkeit sind Finanzblogs, Podcasts, so wie unsere hier, oder YouTube-KanĂ€le. Wenn du regelmĂ€Ăig Inhalte von Menschen konsumierst, die eine rationale, langfristige Anlagestrategie verfolgen, fĂ€rbt das auf dein eigenes Denken ab. Du schaffst dir sozusagen ein virtuelles Umfeld von Mentoren. Und die dritte Möglichkeit, die ich sehr empfehle, ist, sich einen professionellen Coach oder Berater zu suchen. Jemanden, der unabhĂ€ngig ist, der auf deiner Seite steht und der dich in schwierigen Phasen begleitet. Das kostet zwar Geld, aber wie die Geschichte von Thomas zeigt, kann ein guter Coach dir ein Vielfaches dieses Geldes retten, indem er dich vor teuren Fehlern bewahrt.
Lia: Sich sein Umfeld selbst schaffen. Das ist ein starker Gedanke. Also, wenn ich zusammenfasse, es geht darum, sich bewusst zu machen, dass unsere Psyche unser gröĂter Feind ist. Und dann proaktiv Strategien anzuwenden, um diesen Feind in Schach zu halten. Automatisierung, InformationsdiĂ€t, ein fester Plan, historisches Wissen und ein unterstĂŒtzendes Umfeld. Das ist das RĂŒstzeug fĂŒr den mental starken Anleger.
Maik Marx: Du hast es perfekt auf den Punkt gebracht, Lia. Das ist die Essenz. Es ist eine Reise und man wird immer wieder auf die Probe gestellt. Aber mit jedem Börsenzyklus, den man durchsteht, ohne in Panik zu verfallen, wird man stÀrker, gelassener und letztendlich auch erfolgreicher. Es ist wie ein Muskel, den man trainiert. Je öfter man ihn benutzt, desto stÀrker wird er.
Lia: Der Gelassenheitsmuskel. Den werde ich ab jetzt trainieren. Vielen Dank, Maik. Das war wirklich augenöffnend.
Maik Marx: Immer wieder, immer wieder gerne, Lia. Die mentale StĂ€rke ist das Fundament fĂŒr alles Weitere.
Lia: Perfekt. Vielen Dank, Maik, fĂŒr diese super wichtige Folge. Ich fĂŒhle mich jetzt viel sicherer in meiner Strategie. In unserer nĂ€chsten Folge, Folge 31, sprechen wir ĂŒber ein Thema, das viele beschĂ€ftigt. Wie viel Geld brauche ich wirklich fĂŒr den Ruhestand? Wir machen eine konkrete Rechnung auf. Das wird super spannend. Bis nĂ€chste Woche. Bleibt cool und investiert rational.