Technische Analyse: Wie du Charts liest und Wahrscheinlichkeiten erkennst
Willkommen zu Folge 39 von Finanzpost.de, dem Finanz- und Vorsorge-Podcast. Nach mehreren Folgen ĂŒber die fundamentale Analyse wechseln Lia und Finanzexperte Maik Marx heute die Perspektive und tauchen in ein Thema ein, das fĂŒr viele fast etwas Mystisches hat: die Technische Analyse, auch Chartanalyse genannt. Du erfĂ€hrst, was hinter den wilden Zickzack-Linien wirklich steckt, wie du Trends, UnterstĂŒtzungen und WiderstĂ€nde erkennst und warum Chartanalyse keine Kristallkugel ist, sondern ein Werkzeug, um Wahrscheinlichkeiten und gute Ein- und Ausstiegspunkte zu finden. Diese Folge nimmt dir die BerĂŒhrungsangst vor Charts.
Kaffeesatzleserei oder echtes Werkzeug?
Lia bringt es gleich zu Beginn auf den Punkt: FĂŒr viele sehen Charts mit ihren eingezeichneten Linien und Figuren aus wie Kaffeesatzleserei. Kann man daraus wirklich die Zukunft ablesen? Maik ordnet ein: Die Frage spaltet die Finanzwelt seit Jahrzehnten in zwei Lager. Fundamentalanalysten schwören auf harte Fakten wie Bilanzen und Gewinne. Charttechniker argumentieren, dass alle bekannten Informationen bereits im Kurs stecken und die Psychologie der Massen der entscheidende Faktor ist. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Klar ist: Die Chartanalyse sagt die Zukunft nicht mit Sicherheit voraus. Sie zeigt dir aber Wahrscheinlichkeiten auf und hilft dir, sinnvolle Ein- und Ausstiegspunkte zu finden. Die Grundlagen dazu findest du kompakt in unserem Wissensbereich.
Die drei Grundannahmen der Technischen Analyse
Die gesamte Chartanalyse ruht auf drei zentralen Annahmen. Erstens: Der Markt diskontiert alles. Das heisst, alle verfĂŒgbaren Informationen, seien es Unternehmensnachrichten, Wirtschaftsdaten oder politische Ereignisse, sind bereits im aktuellen Kurs eingepreist. Zweitens: Kurse bewegen sich in Trends. Eine Aktie, die steigt, neigt dazu, weiter zu steigen, und eine fallende Aktie fĂ€llt tendenziell weiter, bis der Trend bricht. Drittens, und das ist die wichtigste Annahme: Die Geschichte wiederholt sich. Menschliches Verhalten, getrieben von Gier und Angst, folgt ĂŒber die Zeit hinweg bestimmten Mustern, die man in Charts wiedererkennen kann. Wenn du solche Konzepte durchrechnen willst, helfen dir unsere Rechner, ein GefĂŒhl fĂŒr Kursbewegungen und Renditen zu bekommen.
Der Trend ist dein Freund
Das wohl bekannteste Mantra der Chartanalyse lautet: Der Trend ist dein Freund. Einen Trend zu erkennen, ist die absolute Grundlage. Einen AufwĂ€rtstrend erkennst du daran, dass die Aktie immer höhere Hochs und höhere Tiefs ausbildet, wie eine Treppe, die nach oben fĂŒhrt. Ein AbwĂ€rtstrend ist das Gegenteil: eine Treppe nach unten mit immer tieferen Tiefs und tieferen Hochs. Um diese Trends sichtbar zu machen, zeichnest du Trendlinien ein. Bei einem AufwĂ€rtstrend verbindest du die Tiefpunkte, bei einem AbwĂ€rtstrend die Hochpunkte. Solange der Kurs ĂŒber der aufwĂ€rts gerichteten Trendlinie bleibt, ist alles in Ordnung. Durchbricht er sie nach unten, spricht man von einem Trendbruch, der das Ende des AufwĂ€rtstrends einlĂ€uten kann. Wie sich das auf verschiedene Anlageformen auswirkt, siehst du in der Anlage-Ăbersicht.
UnterstĂŒtzung und Widerstand: Böden und Decken
Die Trendlinie funktioniert wie eine UnterstĂŒtzung: Der Kurs prallt oft mehrmals an ihr ab und setzt dann seinen Aufstieg fort. Ein Widerstand ist das genaue Gegenteil, ein Preisniveau, an dem der Kurs in der Vergangenheit immer wieder nach unten abgeprallt ist. Stell dir eine Decke vor, gegen die ein Ball immer wieder springt. Anleger halten die Aktie auf diesem Niveau offenbar fĂŒr zu teuer und verkaufen. Gelingt es dem Kurs aber doch, diesen Widerstand zu durchbrechen, spricht man von einem Ausbruch, und das ist ein starkes Kaufsignal. Spannend dabei: Der alte Widerstand wird danach oft zur neuen UnterstĂŒtzung. Diese beiden Zonen bilden das GrundgerĂŒst, mit dem du jeden Chart lesen kannst.
Formationen: Schulter-Kopf-Schulter, Dreiecke und Flaggen
Jetzt wird es bildhaft. Die Schulter-Kopf-Schulter-Formation ist eine der bekanntesten Umkehrformationen und deutet das Ende eines AufwĂ€rtstrends an. Der Kurs bildet ein erstes Hoch (die linke Schulter), fĂ€llt zurĂŒck, steigt auf ein höheres Hoch (den Kopf), fĂ€llt wieder und bildet ein letztes, niedrigeres Hoch (die rechte Schulter). Verbindest du die Tiefpunkte, ergibt sich die Nackenlinie. FĂ€llt der Kurs darunter, gilt das als starkes Verkaufssignal, weil die Kraft der KĂ€ufer sichtbar nachlĂ€sst. Daneben gibt es Fortsetzungsformationen wie Dreiecke, bei denen die KursausschlĂ€ge immer kleiner werden, bis der Kurs meist in Trendrichtung ausbricht, sowie Flaggen, die nach einem steilen Anstieg eine kurze Verschnaufpause markieren, bevor es weitergeht. Fachbegriffe wie diese erklĂ€rt dir unser Finanzlexikon.
Ein gleitender Durchschnitt (GD) glĂ€ttet den Kursverlauf, indem er den Mittelwert der letzten Tage bildet, etwa 50 oder 200 Tage. Kreuzt der kurzfristige GD (50 Tage) den langfristigen (200 Tage) von unten nach oben, spricht man vom Golden Cross, einem klassischen Kaufsignal. Umgekehrt gilt das Death Cross als Warnzeichen. Diese Signale zeigen keine Garantie, aber eine erhöhte Wahrscheinlichkeit fĂŒr die weitere Richtung.
SelbsterfĂŒllende Prophezeiung und Kombination der AnsĂ€tze
Lia stellt die entscheidende Frage: Funktioniert das wirklich, oder ist es eine selbsterfĂŒllende Prophezeiung? Genau das ist der Punkt. Weil so viele Marktteilnehmer an dieselben Muster glauben und danach handeln, lösen sie die erwartete Kursbewegung oft selbst aus. Ob die Muster nun eine eigene Kraft haben oder nur wirken, weil alle daran glauben, spielt fĂŒr die Praxis kaum eine Rolle. Am stĂ€rksten wird die Analyse, wenn du beide Welten kombinierst: Die Fundamentalanalyse sagt dir, WAS du kaufen solltest, also welches Unternehmen solide ist. Die Technische Analyse hilft dir beim WANN, also beim Timing des Einstiegs. VerlĂ€ssliche, unabhĂ€ngige Informationen dazu bieten die Verbraucherzentrale, das Portal Finanztip und die Deutsche Bundesbank.
Risiko im Blick behalten
So faszinierend Charts auch sind, sie ersetzen keine solide Grundlage. Verlass dich nie allein auf ein einzelnes Signal und setze dir feste Regeln, wann du eine Position verkaufst, etwa beim klaren Trendbruch. Wer diszipliniert bleibt und nicht in Panik verkauft, sobald der Kurs kurz zittert, trifft ruhigere Entscheidungen. Denk immer daran, dass jede Analyse nur Wahrscheinlichkeiten liefert, niemals Gewissheit. Bevor du ĂŒberhaupt einsteigst, lohnt sich ein Blick auf die Kosten deines Depots und Brokers, denn hohe GebĂŒhren fressen jede noch so gute Timing-Entscheidung auf. Welcher Anbieter zu dir passt, zeigt dir unser Vergleich.
Fazit: Charts als Landkarte, nicht als Kristallkugel
Die Technische Analyse ist keine Zauberei und keine Kristallkugel, sondern eine Landkarte, die dir hilft, Wahrscheinlichkeiten zu erkennen und dein Timing zu verbessern. Am stĂ€rksten wirkt sie in Kombination mit der Fundamentalanalyse. Hör dir die ganze Folge an, abonniere den Podcast und probiere ruhig aus, erste Trends und WiderstĂ€nde in echten Charts zu erkennen. In der nĂ€chsten Folge geht es weiter mit spannenden Werkzeugen fĂŒr deine Geldentscheidungen.
Shownotes zu dieser Folge +
39 - BESCHREIBUNG - Technische Analyse â Charts lesen fĂŒr Einsteiger
In der neununddreiĂigsten Folge von Finanzpost.de: Der Finanz- und Vorsorge-Podcast wagen sich Lia und Maik Marx in die Welt der Technischen Analyse.
Ist Chartanalyse nur Kaffeesatzleserei oder ein mĂ€chtiges Werkzeug? Maik entmystifiziert die wichtigsten Konzepte: Trends, UnterstĂŒtzungen, WiderstĂ€nde und berĂŒhmte Chartformationen wie die Schulter-Kopf-Schulter-Formation.
- â Was ist Technische Analyse und was sind ihre drei Grundannahmen?
- â Wie du AufwĂ€rts- und AbwĂ€rtstrends mit Trendlinien erkennst.
- â Das Konzept von UnterstĂŒtzung und Widerstand (Böden und Decken).
- â Was eine Schulter-Kopf-Schulter-Formation ist und warum sie ein starkes Verkaufssignal sein kann.
- â Was Dreiecke und Flaggen ĂŒber die Fortsetzung eines Trends verraten.
- â Was gleitende Durchschnitte (GD) sind und was das âGolden Crossâ bedeutet.
- â Warum Chartanalyse eine selbsterfĂŒllende Prophezeiung ist und trotzdem funktioniert.
- â Die intelligente Kombination: WAS kaufen (Fundamentalanalyse) und WANN kaufen (Technische Analyse).
Komplettes Transkript dieser Folge +
Lia: Herzlich willkommen, liebe Finanzenthusiasten, zu einer neuen Ausgabe von Finanzpost.de, der Finanz- und Vorsorge-Podcast. Ich bin Lia und ich freue mich, dass ihr wieder dabei seid, um mit uns die Finanzwelt zu erkunden. NatĂŒrlich ist auch heute wieder unser Experte Maik Marx an meiner Seite.
Maik Marx: Hallo Lia, ich grĂŒĂe dich. In den letzten Folgen haben wir uns ja sehr intensiv mit der fundamentalen Analyse von Aktien beschĂ€ftigt, also mit den Bilanzen, den Gewinnen und den Kennzahlen. Heute wollen wir einen komplett anderen Ansatz beleuchten, der fĂŒr viele fast schon etwas Mystisches hat. Die technische Analyse, auch bekannt als Chartanalyse.
Lia: Genau. Schadanalyse. Ich glaube, jeder hat schon mal diese Bilder von Aktienkursen mit den wilden Zickzacklinien gesehen, in die Leute dann noch mehr Linien und seltsame Figuren einzeichnen. Ehrlich gesagt, Maik, fĂŒr mich sieht das oft aus wie Kaffeesatzleserei. Kann man aus diesen Mustern wirklich die Zukunft vorhersagen?
Maik Marx: Das ist die Gretchenfrage und sie spaltet die Finanzwelt seit Jahrzehnten in zwei Lager. Die einen, die Fundamentalanalysten sagen, nur die harten Fakten eines Unternehmens zÀhlen. Die anderen, die Charttechniker, argumentieren, dass alle bekannten Informationen bereits im Aktienkurs enthalten sind und dass die Psychologie der Massen, die sich in den Charts widerspiegelt, der entscheidende Faktor ist. Die Wahrheit liegt, wie so oft, wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Aber um es klar zu sagen, nein, die Chartanalyse kann die Zukunft nicht mit hundertprozentiger Sicherheit vorhersagen. Was sie aber kann, ist, Wahrscheinlichkeiten aufzuzeigen und uns dabei zu helfen, gute Ein- und Ausstiegspunkte zu finden.
Lia: Okay, das klingt schon realistischer. Es geht also nicht um eine Kristallkugel, sondern um Wahrscheinlichkeiten. Was ist denn die Grundidee hinter der technischen Analyse?
Maik Marx: Die technische Analyse basiert auf drei zentralen Annahmen. Erstens, der Markt diskontiert alles. Das bedeutet, alle verfĂŒgbaren Informationen, seien es Unternehmensnachrichten, Wirtschaftsdaten oder politische Ereignisse sind bereits im aktuellen Aktienkurs eingepreist. Zweitens, Kurse bewegen sich in Trends. Eine Aktie, die steigt, neigt dazu, weiter zu steigen. Eine Aktie, die fĂ€llt, neigt dazu, weiter zu fallen, bis der Trend bricht. Und drittens, die wichtigste Annahme, die Geschichte wiederholt sich. Menschliches Verhalten, getrieben von Gier und Angst, folgt ĂŒber die Zeit hinweg bestimmten Mustern. Und diese Muster kann man in den Charts erkennen.
Lia: Die Geschichte wiederholt sich, weil die menschliche Psychologie immer gleich bleibt. Das ist ein spannender Gedanke. Welche Werkzeuge nutzen Schadtechniker denn, um diese Muster zu finden? Fangen wir mal mit dem einfachsten an, den Trends.
Maik Marx: Sehr gute Idee. Der Trend ist dein Freund. Das ist das wohl bekannteste Mantra der Schadanalyse. Einen Trend zu erkennen, ist die absolute Grundlage. Einen AufwĂ€rtstrend erkennt man daran, dass die Aktie immer höhere Hochs und höhere Tiefs ausbildet. Stell dir eine Treppe vor, die nach oben fĂŒhrt. Jede Stufe ist ein bisschen höher als die vorherige. Ein AbwĂ€rtstrend ist genau das Gegenteil. Eine Treppe nach unten mit immer tieferen Tiefs und tieferen Hochs. Um diese Trends zu visualisieren, zeichnet man Trendlinien ein. Bei einem AufwĂ€rtstrend verbindet man die Tiefpunkte, bei einem AbwĂ€rtstrend die Hochpunkte.
Lia: Und was mache ich mit dieser Trendlinie? Solange der Kurs ĂŒber der aufwĂ€rtsgerichteten Trendlinie bleibt, ist alles gut und ich bleibe investiert?
Maik Marx: Genau. Die Trendlinie fungiert als eine Art UnterstĂŒtzung. Der Kurs prallt oft mehrmals an dieser Linie ab und setzt dann seinen Aufstieg fort. Ein Kaufsignal kann also sein, wenn der Kurs die Trendlinie von oben berĂŒhrt und wieder nach oben dreht. Ein klares Warnsignal ist es hingegen, wenn der Kurs diese Trendlinie nach unten durchbricht. Das nennt man einen Trendbruch und es könnte das Ende des AufwĂ€rtstrends und der Beginn eines AbwĂ€rtstrends sein. Hier wĂŒrden viele technische Analysten ihre Position verkaufen.
Lia: Okay, das Prinzip von UnterstĂŒtzung und Widerstand habe ich schon mal gehört. Die Trendlinie ist also eine Form der UnterstĂŒtzung. Was ist dann ein Widerstand?
Maik Marx: Ein Widerstand ist das genaue Gegenteil. Es ist ein Preisniveau, an dem der Kurs in der Vergangenheit immer wieder nach unten abgeprallt ist. Stell dir eine Decke vor, gegen die ein Ball immer wieder springt. Die Anleger scheinen zu denken, dass die Aktie auf diesem Niveau zu teuer ist und verkaufen. Ein Widerstand ist also eine Preiszone, die der Kurs nur schwer ĂŒberwinden kann. Gelingt es ihm aber doch, diesen Widerstand zu durchbrechen, man spricht von einem Ausbruch, ist das ein sehr starkes Kaufsignal. Der alte Widerstand wird dann oft zur neuen UnterstĂŒtzung.
Lia: UnterstĂŒtzung und Widerstand. AufwĂ€rts- und AbwĂ€rtstrends. Das ist ja schon mal eine gute Basis. Aber jetzt kommen wir zu den mysteriösen Formationen. Ich habe schon mal von einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation gehört. Was hat es denn damit auf sich?
Maik Marx: Die Schulter-Kopf-Schulter-Formation ist eine der bekanntesten und zuverlĂ€ssigsten Umkehr-Formationen. Sie deutet das Ende eines AufwĂ€rtstrends an. Sie sieht tatsĂ€chlich so aus, wie sie heiĂt. Der Kurs bildet ein erstes Hoch, die linke Schulter, fĂ€llt etwas zurĂŒck, steigt dann auf ein noch höheres Hoch. Der Kopf fĂ€llt wieder zurĂŒck auf das vorherige Niveau und bildet dann ein letztes niedrigeres Hoch, die rechte Schulter. Die Tiefpunkte zwischen diesen drei Gipfeln kann man mit einer Linie verbinden, der sogenannten Nackenlinie. Wenn der Kurs nach der rechten Schulter unter diese Nackenlinie fĂ€llt, gilt das als starkes Verkaufssignal.
Lia: Faszinierend. Es ist also quasi ein Symbol fĂŒr die nachlassende Kraft der KĂ€ufer. Sie schaffen es nach dem Kopf nicht mehr, den Kurs auf ein neues Hoch zu treiben. Gibt es auch Formationen, die einen Trend bestĂ€tigen?
Maik Marx: Ja, die gibt es. Das sind die sogenannten Fortsetzungsformationen. Die bekanntesten sind Dreiecke und Flaggen. Ein Dreieck entsteht, wenn die KursausschlĂ€ge immer kleiner werden, die Hochs werden tiefer und die Tiefs werden höher, der Kurs keilt sich also immer mehr ein. Irgendwann bricht der Kurs dann aus diesem Dreieck aus, meistens in Richtung des vorherigen Trends. Eine Flagge sieht aus wie ein kleines Rechteck, das leicht gegen den vorherrschenden Trend geneigt ist. Nach einer starken, fast senkrechten Kursbewegung, dem Fahnenmast, bewegt sich der Kurs eine Weile seitwĂ€rts oder leicht abwĂ€rts, bevor er dann mit neuem Schwung in die ursprĂŒngliche Richtung ausbricht.
Lia: Das klingt alles sehr bildhaft. Aber Maik, mal ehrlich, funktioniert das wirklich? Oder ist das nicht eine selbsterfĂŒllende Prophezeiung? Weil so viele Leute an diese Muster glauben, handeln sie danach und lösen die Kursbewegung damit erst aus.
Maik Marx: Das ist genau der Punkt. Ob die Muster eine eigene magische Kraft haben oder nur funktionieren, weil Millionen von Anlegern weltweit darauf schauen und danach handeln, ist am Ende fast egal. Wenn genĂŒgend Leute glauben, dass der Bruch der Nackenlinie bei einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation ein Verkaufssignal ist, dann werden sie verkaufen und der Kurs wird fallen. Insofern ist die Schadanalyse tatsĂ€chlich zu einem gewissen Grad eine selbsterfĂŒllende Prophezeiung. Aber das macht sie nicht weniger nĂŒtzlich als Werkzeug.
Lia: Einverstanden. Es ist also ein Werkzeug, um die Psychologie der Masse zu lesen. Aber es gibt ja nicht nur Linien und Formationen, sondern auch noch die sogenannten Indikatoren, oder? Zum Beispiel den gleitenden Durchschnitt.
Maik Marx: Genau. Indikatoren sind mathematische Berechnungen, die auf dem Kurs oder dem Handelsvolumen basieren und uns zusĂ€tzliche Signale liefern sollen. Der gleitende Durchschnitt, oft als GD abgekĂŒrzt, ist der beliebteste. Er glĂ€ttet die kurzfristigen Zickzack-Bewegungen des Kurses und zeigt den ĂŒbergeordneten Trend klarer an. Man berechnet dafĂŒr den Durchschnittskurs der letzten x Tage, zum Beispiel der letzten 50 oder 200 Tage. Liegt der aktuelle Kurs ĂŒber seinem gleitenden Durchschnitt, ist das ein Zeichen fĂŒr einen AufwĂ€rtstrend. Kreuzt der Kurs seinen gleitenden Durchschnitt von oben nach unten, ist das ein Verkaufssignal. Besonders bekannt ist das Golden Cross. wenn der kurzfristige 50-Tage-Durchschnitt den langfristigen 200-Tage-Durchschnitt von unten nach oben kreuzt. Das gilt als starkes Kaufsignal.
Lia: Das heiĂt, ich kann die Chartanalyse nutzen, um meine fundamentalen Entscheidungen zu timen. Wenn ich also nach fundamentalen Kriterien eine tolle Aktie gefunden habe, warte ich mit dem Kauf, bis der Chart mir ein gutes Einstiegssignal liefert?
Maik Marx: Das ist in meinen Augen die intelligenteste Art, beide Welten zu verbinden. Du nutzt die Fundamentalanalyse, um zu entscheiden, was du kaufst, nĂ€mlich ein qualitativ hochwertiges Unternehmen. Und du nutzt die technische Analyse, um zu entscheiden, wann du kaufst, nĂ€mlich zu einem psychologisch gĂŒnstigen Zeitpunkt, wenn der Trend fĂŒr dich spricht. So vermeidest du es, in ein fallendes Messer zu greifen, also eine Aktie zu kaufen, die zwar fundamental gĂŒnstig ist, sich aber in einem starken AbwĂ€rtstrend befindet.
Lia: Das ist eine brillante ZusammenfĂŒhrung. Damit verliert die KART-Analyse fĂŒr mich ihren esoterischen Beigeschmack. Und wird zu einem pragmatischen Timing-Instrument. Vielen Dank, Maik, fĂŒr diesen erhellenden Einblick.
Maik Marx: Sehr gerne, Lia. Ich hoffe, wir konnten zeigen, dass Schad-Analyse nicht nur etwas fĂŒr Zocker ist, sondern auch fĂŒr langfristige Anleger ein nĂŒtzliches Werkzeug im Kasten sein kann. Man muss nur wissen, wie man es richtig einsetzt.
Lia: Das hast du definitiv geschafft. Und damit sind wir auch schon wieder am Ende unserer heutigen Folge. Wenn ihr, liebe Zuhörer, jetzt Lust bekommen habt, selbst ein paar Linien in die Charts zu malen, dann probiert es doch einfach mal aus. Aber seid vorsichtig und trefft keine Entscheidungen nur auf Basis eines einzigen Signals. Wenn euch die Folge gefallen hat, freuen wir uns ĂŒber eine FĂŒnf-Sterne-Bewertung. Bis zum nĂ€chsten Mal bei Finanzpost.de
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